Gut, Paul Linsmaier, Landesvorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) in Bayern, bildete vielleicht eine Ausnahme, als er uns streikenden Studierenden vorwarf, wir hätten lediglich eine „neomarxistische Umwälzung“ im Sinn. Dass uns ansonsten die rosigsten Sympathiebekundungen entgegenschwappten, angefangen von den HochschulrektorInnen über diverse WissenschaftsministerInnen bis hin zur Bundesbildungsministerin, machte uns relativ stutzig. Zumal die dann vorgeschlagenen Verbesserungen so ziemlich dem entgegengerichtet waren, wofür wir uns einsetzen. Statt einer sozialen Öffnung der Bildungseinrichtungen schlägt Annette Schavan (CDU) jetzt das sog. „Bildungssparen“ vor, das Eltern ermuntern soll, für die Bildung ihrer Kinder vorzusorgen, während der Staat nur mehr Zuschüsse bereitstellt oder die Beiträge steuerlich absetzbar macht. Eine Bafög-Erhöhung – begrüßenswert! – kommt nur, wenn die Länderchefs das von der schwarz-gelben Bundesregierung geforderte nationale Stipendienprogramm akzeptieren, das jedoch vor allem Akademikerkindern zugute kommen würde. Und überhaupt, auf unsere Proteste zu antworten, es sei „richtig, wenn die Studenten sagen, wir pochen darauf, dass das, was ihr beschlossen habt, jetzt auch tatsächlich umgesetzt wird“, wie es Schavan in der Tagesschau erklärt hatte, zeugt entweder von dreister Taktik oder glatter Blödheit (oder vielleicht beidem).
Ansonsten herrschte weit und breit Konsens über die dringend erforderliche Aufweichung des starr aufgebauten und völlig verschulten Bachelors, die Verbesserung der universitären Mobilität, sowie über die finanzielle Aufstockung des gesamten Bildungssektors. Würden wir jetzt also zumindest Teilerfolge vorlegen können? Sollte der Bildungsstreik gar der Startschuss für eine neugewonnene gesellschaftliche Harmoniewelle sein? Weit gefehlt! Es würde ja wirklich jede(r) Beteiligte gerne nachbessern, aber die Zuständigkeiten waren nicht so ganz geklärt. Nachdem der Rheinland-Pfälzische Wissenschaftsstaatssekretär Michael Ebling besonders die Hochschulen in der Verantwortung sah, konnte der Mainzer Universitätspräsident Georg Krausch, damit konfrontiert, nur müde kichern. Immerhin stehe doch seines Erachtens nach vor allem Kultusministerin Doris Ahnen in der Verantwortung. Beim Bund nachzufragen, das traute sich gleich gar niemand mehr, schließlich kann dieser nach der endgültigen Entkernung des Hochschulrahmengesetzes nur noch ein paar hübsche Exzellenzzertifikate ausstellen.
So weit die nett gemeinten Kompetenzenschiebereien. Jetzt allerdings schlagen die neoliberalen Reformkräfte mit aller propagandistischer Macht zurück. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 22. November („Krethi und Plethi an der Uni“) lässt Melanie Amann ohne jegliche Erwiderung durch die Gegenseite gleich drei der üblichen Verdächtigen zu Wort kommen: das Ifo-Institut, das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und die Hochschulrektorenkonferenz (HRK).
Einleitend verkehrt Amann, die alte Satirikerin, studentische Wünsche ins Ironische, gar Absurde und legt nahe, wir „Bachelor-Sklaven“ träumten uns allesamt „zurück ins 19. Jahrhundert, zu einer ,gemeinwohlorientierten Bildung nach humanistischem Ideal’“. Denn es ist ja bekannt, dass gerade in der Restaurationszeit das Ideal der freien Entfaltung des Individuums die Präambel eines jeden Koalitionsvertrages prägte. Weiter heißt es, „(s)ie träumen vom elitären Freiraum, aber natürlich für jedermann … alles ,sozial gerecht’, versteht sich.“ Selbstredend, Frau Amann! Sie lassen dem Leser auch gar keinen anderen Schluss übrig, wenn Sie dann hinzufügen: „Dass dieser Wunsch ein bisschen paradox ist, wissen die Demonstranten wohl auch.“ Ganz anscheinend.
Vielleicht ist es dann Amanns schlechtes Gewissen ob ihres vorangegangenen Zynismus, denn auf einmal wird sie mitfühlend, wenn sie den Studierenden anbietet, sie „doch mehr an die Hand (zu) nehmen“. Das Problem an diesem Angebot ist, dass nun wirklich jede(r) in der Kindheit beigebracht bekommen hat, nicht mit wildfremden FAS-Redakteuren mitzugehen. Zumal Amann uns in der Folge mit Geldversprechen locken möchte, wenn sie die zweifelsohne ideologiefreien Befunde des Ifo-Forschers Ludger Wößmann anführt, der ausgerechnet hat, dass das „Gehalt eines Universitäts-Absolventen … um mehr als die Hälfte höher (ist) als das eines Berufstätigen mit Lehre“. Ein Schelm, wer darin eine Rechtfertigung für kreditfinanzierte Privatinvestitionen in das eigene Humankapital herausliest. Wößmann weiter: „Wir können das Reservoir der Studenten in jedem Jahrgang problemlos um zehn bis 20 Prozent vergrößern, ohne dass die Bildungsrendite sinkt.“ Oder so. Wie kommen wir wildgewordenes Studierendenpack im Angesichte solchen analytischen Scharfblicks auch nur auf die Idee, zu glauben, Bildung würde als Ware angesehen werden.
Josef Kraus, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes, verleiht dem Artikel im Anschluss den dringlich vermissten Schuss blanker Willkür: „Je nach Bundesland gibt es bis zu 20 Prozent Abiturienten, an deren Studierfähigkeit man getrost zweifeln darf.“ Kein Wunder also, dass dieser, wie gesagt, willkürlich bestimmten Masse, das streng modularisierte System wie ein Segen vorkommen sollte. Denn „(s)elbst wenn man annimmt, dass die neuen Studenten alle gleich geeignet sind, lernen sie trotzdem anders, brauchen andere Methoden, mehr Struktur, mehr Anleitung“, findet Amann und lässt daraufhin Christian Berthold von CHE Consult („einer Beratungsgesellschaft für Hochschulen“) zu Wort kommen: „Das strukturierte und verschultere System bietet … viele Gestaltungsoptionen. In einer Massenhochschule ist eine straffere Struktur der Studiengänge unerlässlich.“ Auch hier möchte man einen Schelm darin erkennen, wer meint, das CHE sei als Lobbyorganisation und Sprachrohr der Bertelsmann-Stiftung sowie der HRK gänzlich neutral in seiner Beratungstätigkeit. Die Nicht-Schelme unter uns jedoch echauffieren sich hingegen über Amanns selektiven Zitierstil. Oder aber sie haben sich einfach noch nicht richtig „in Credit Points und Module hereingefuchst“, denn wer das geschafft hat, „dem biete das System Freiraum und Flexibilität“. Der Bildungsstreik also nichts weiter als ein gewaltiger Irrtum unsererseits? Immerhin „brechen (Bachelor-Studenten) im Durchschnitt seltener ihr Studium ab als ihre Vorgänger im Diplom- und Magisterstudium“, so der Befund des Hochschulinformationssystem (HIS), der als nächstes zitiert wird. Ein Blick in die der antikapitalistischen Auswüchse garantiert unverdächtigen Financial Times Deutschland vom 18.11.2009 allerdings hätte Amann ein ernüchternderes Bild vor Augen geführt, denn der Artikel „Zu viel Stress, zu wenig Geld“ beweist, dass der Bachelor „(s)chlecht funktioniert … in den Ingenieurswissenschaften, wo die Zahl der Abbrecher dramatisch gestiegen ist“. Dabei hatte Rosinenpickerei doch mehr was für Hartz IV-Empfänger sein sollen als für distinguierte FAS-Redakteure …
Mit dem versammelten Establishment im Rücken, im Folgenden unter dem Chiffre HRK angeführt, wähnt sich Amann allerdings in guter Gesellschaft. Jan Rathjen, Bereichsleiter für Bildung in der HRK, sieht nämlich „(m)angelnde Orientierung im Studium (als einen) wesentliche(n) Grund für die hohe Abbrecherquote. Die Gliederung des Studiums in Module gibt mehr Halt. Die Studenten können Ziele und Sinn der Lerneinheiten besser nachvollziehen.“ Wenn ihnen die Zeit dafür bleibt zwischen all den Studienleistungen, die sie zu erbringen haben. Denn dem nun geschaffenen „Bulimie-Studium“ hätte man statt dessen erst einmal eine bessere Finanzierung des Hochschulsystems entgegensetzen können. Damit hätte man auch die Universitäten mit mehr Lehrkräften, mehr Lehrmaterial, mehr Lehrräumlichkeiten ausstatten und folglich auch Zugangsschranken außer Kraft setzen können. Nun mit massivster propagandistischer Macht zu versuchen, die überstürzte Einführung der Reformvorschläge, die an einem einzigen Tag zu Papier gebracht worden waren, zu verteidigen, ist eher das unkonstruktive Element in dieser Debatte. Denn stimmten all diese Behauptungen auch tatsächlich, sähen die Studierenden gar keinen Anlass zu streiken.
Oder sind wir etwa Masochisten? Denn zum Abschluss des Artikels wird die kühnste Behauptung aufgestellt: „Bachelors seien ,ein bisschen’, die Master-Studierenden ,deutlich zufriedener’ als Kommilitonen im alten System“, wie das HIS herausgefunden haben will. Woraufhin Amann zu guter Letzt bemerkt: „Vielleicht müsste man das den Bachelor-Sklaven einmal sagen.“ Schade, dass Volker Koscielny, psychologischer Berater der zentralen Studienberatung der Universität Münster, in diesem Artikel nicht zu Wort kommt. Seiner fachlichen Ansicht nach, sei die hohe Anzahl der Prüfungen übertrieben, viele Bachelor-Studierende litten darüberhinaus unter Depressionen. „Jeder fünfte Hilfesuchende braucht neben der Beratung eine professionelle Psychotherapie.“ (Spiegel-Online, 14.02.2009) Vielleicht müsste man das den Sklaventreibern einfach einmal sagen.






Ach ja, btw: Bevor du hier deine ganzen wertvollen Humanressourcen darauf verschwendest, ellenlange Texte zu schreiben, die eigentlich nur deine Ergüsse im WiWi-Forum reproduzieren, könnntest du doch gleich drauf verlinken …
Hiho! Hierzu empfehle ich einerseits die Lektüre der Forderungen, Abschnitt 4 “Soziale Öffnung der Hochschulen”, in der wir bereits klarmachen, dass wir nicht mit einer Beschränkung des Hochschulzugangs auf bestimmte Gruppen sympathisieren.
Andererseits kann ich nur den Besuch unserer Plena und der Besetzung empfehlen – da triffst du auf Menschen, die etwas handfester sind als Vorurteile und vielleicht ist dir ja der Vortrag, den Peter Grottian am Donnerstag hier halten wird, Anlass genug, das Unmögliche zu wagen und in den grässlichen Morast linker Ideologen einzutauchen. Aber auch Grottian wird dir kein “sozial gerechtes Studiengebührenkonzept” anbieten; vielleicht kann dir da ja Liz Mohn weiterhelfen …
Neomarxismus, Neoliberalismus… Ein bisschen weniger Ideologie und mehr Realitätsnähe würde beiden Seiten gut tun. Das Ifo-Institut hat übrigens zweifelsohne Recht, wenn es uns Studenten daran erinnert, dass wir bereits zur “Elite” gehören, ganz unabhängig davon, ob wir das Studium jetzt zur Selbstfindung oder als Karrierebooster nutzen. Ein großer Teil der Bevölkerung hat nie studiert und zahlt uns trotzdem (teilweise mit an den Gesamtkosten gemessen geinger Selbstbeteiligung unsererseits) ein komplettes Studium inklusive besserer Gehaltsaussichten. Das wird auch sicher nicht komplett über den progressiven Steuertarif wieder wett gemacht, da braucht ihr nur mal den Handwerksmeister zu fragen, der Akademiker-Steuersätze zahlt, ohne jemals einen Campus betreten zu haben.
Wo ist hier die viel beschworene Gerechtigkeit? Wieso ist es ungerecht, wenn ein Studium über nachgelagerte Studiengebühren finanziert wird und somit ein Teil des höheren Akademikergehaltes zweckgebunden abgeschöpft wird? Auch hier lassen sich sicher Regelungen finden, die verhindern, dass arbeitslose Akademiker in die Schuldenfalle tappen.
Oder haltet ihr es tatsächlich für ein unmögliches Unterfangen, einen Studiengang zu finden, der sowohl euren Wissensdurst löscht, als auch berufsvorbereitend wirkt? Schließen sich selbstbestimmtes Studium aus Interesse am Stoff und Anwendung der erlernten Methoden und vielleicht sogar der ganz konkreten Lerninhalte im späteren Arbeitsleben tatsächlich aus?
Ich würde mir mehr solcher konkreten Diskussionen wünschen, statt immer nur den platten Parolen von der “Ökonomisierung der Hochschulen”. Entwickelt doch zur Abwechslung mal ein aus eurer Sicht (im Hinblick auf Höhe und Zeitpunkt der Selbstbeteiligung und vor allem der Versicherung gegen nicht zumutbare Rückzahlungsbedingungen) sozial gerechtes Studiengebührenkonzept, statt ständig nur hervorzuheben, was ihr alles NICHT wollt – eben weil eine reine Steuerfinanzierung trotz progressiven Steuertarifen auch nicht zwangsläufig gerecht und vermittelbar (und somit finanzierbar) ist und zudem noch falsche Anreize ausgesendet werden, weil es ja aus der eigenen egoistischen Sichtweise sowieso nur das Geld von einer anonymen Masse ist, das man so ganz ohne schlechtes Gewissen in beliebiger Höhe einfordern und durch teilweise wenig zielgerichtetes Studieren verprassen kann.