Das CHE, das “Centrum für Hochschulentwicklung”, wie es sich selbst nennt, ist bekanntermaßen eine mehr oder weniger erfolgreiche Einrichtung der neoliberalen Lobbyorganisation Bertelsmannstiftung, die auf vielerlei Art und Weise versucht, auf die Ausrichtung und das Selbstverständnis von Hochschulen und Bildungspolitik einzuwirken. Das bekannteste Instrument ist dabei das sogenannte CHE-Hochschul-Ranking, eine pseudowissenschaftliche Studie, die in regelmäßigen Abständen von der ZEIT publiziert wird, und mit großem Erfolg einen Wettbewerb zwischen den Universitäten erzeugt.
Die Adressaten waren bisher jedoch überwiegend ProfessorInnen, HochschulrektorenInnen, KultusministerInnen und andere politische EntscheidungsträgerInnen. Einzig das Ranking richtete sich an Studierende. Nun jedoch unternimmt CHE, genauer: CHE Consult einen Schritt, der geradezu fassungslos macht: In einer Email wendet sich die Lobbyorganisation dort gezielt an Aktive der Bildungsproteste, mit dem Ziel, antisoziales Gedankengut auch dort zu streuen, wo es bereits auf vehemente Ablehnung stößt. Erreicht werden soll das durch die Aufforderung, “konkrete Veränderungen an Ihren Hochschulen zu bewirken” – aber natürlich nicht nur irgendwelche Veränderungen. In einem angehängten Dokument, übertitelt mit “Bologna als Chance nutzen”, lädt die Bertelsmannstifttung in schmeichlerischen Tonfall dazu ein, sich nun mehr für ihre ganz spezielle Vorstellung eines Studiums einzusetzen. Dabei macht das Papier aber auch gleich deutlich, wo der Feind sitzt: Das seien nämlich “all jene, die Veränderung als Bedrohung erleben und die universitären Elfenbeintürme als letzte Trutzburg in einer sich verändernden Informations- und Wissens-gesellschaft vor allen Neuerungen glauben bewahren zu müssen.” Das Veränderung kein Selbstzweck ist, verschweigt das CHE an dieser Stelle lieber. Dafür aber erhält der mutige Leser im Text immer wieder geschickt eingebettete Hinweise darauf, was ein Studium so zu leisten hat: Unter der Erwähnung des “Bildungskapitals Reflexionsvermögen”, das wohl kritische Köpfe bezüglich der Geisteshaltung des CHE milde stimmen soll, wird der “Arbeitsmarkt und die Chance, seinen eigenen Lebensunterhalt verdienen zu können” als wegweisend für die Definition eines Bildungsbegriffs aufgeführt. Als “kritische Fragen” werden dann “Mit welchen Schranken müssen sie rechnen? Gibt es feste Übergangsquoten oder einen internen Numerus Clausus?” vorgeschlagen. Und ähnlich setzt sich die Schrift fort; müßig also, auf den Rest einzugehen.
Doch was ist davon zu halten, was spukt den InitatorInnen dieses Verneinnahmungsversuchs durch den Kopf, wenn sie den Protestierenden Propagandamaterial anbieten? Ist es die grenzenlose Überschätzung der eigenen Intelligenz und rhetorischen Fähigkeiten? Oder ist das Realsatire, hat das CHE neuerdings Humor? Diese Frage wird wohl nie geklärt werden. Diejenigen, die dennoch daran interessiert sind zu erfahren, was die zuvorkommenden MitarbeiterInnen des CHE bei ihrem neuesten Narrenstück bewegte, werden in der Email freundlicherweise auf zwei Adressen verwiesen, an die mensch sich bei Bedarf wenden kann: Frau Dr. Daniela De Ridder und Frau Lena Dreblow brennen darauf, eure Fragen nach dem Sinn und Unsinn solcher Propaganda zu beantworten! Eines immerhin ist aber jetzt schon deutlich geworden: Offensichtlich ist die Wirkung der Proteste groß, wenn sich nun sogar schon das CHE zu einer Reaktion hinreißen lässt.






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