Aufruf zur Erhaltung einer freien Universität in Mainz

Sehr geehrte Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Universität,

Die Freiheit des akademischen Lebens an der Universität Mainz und anderswo ist in Gefahr. Im Zuge der Schaffung eines europäischen Hochschulraums im Rahmen der „Bologna-Reformen“ wurden die hehren Ziele vielerorts verfehlt oder hatten sogar gegenteilige Auswirkungen. Deshalb ist es zu dieser Zeit notwendiger und weitreichender Reformen dringlich, dass die Betroffenen: Lehrende, Studierende und Angestellte der Universität, die vielfältigen Mängel der neuen Strukturen öffentlich machen und ihren Teil zu einer sinnvolleren Gestaltung der Hochschulen beitragen.

Damit dies möglich ist, muss in erster Linie die Etablierung undemokratischer hochschulpolitischer Strukturen aufgehalten, bzw. rückgängig gemacht werden. Sowohl das bestehende Ungleichgewicht zugunsten des Hochschulrats, wie die geplante Novelle des Landeshochschulgesetzes stellen eine Entmündigung der breiten Mehrheit zugunsten nicht gewählter Gremienvertreter und des Präsidialamts dar. Was als „Autonomie der Hochschule“ angepriesen wurde, verkehrt sich in ihr Gegenteil. Die Hochschulen verlieren die Unabhängigkeit, welche für die Erfüllung der Aufgaben, die eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft ihnen übertragen hat, unentbehrlich ist.

Das Kernstück der Bologna-Reform, die Einführung des konsekutiven Bachelor-Master-Studiums, verfehlt in der derzeitigen Umsetzung das Ziel einer universitären Bildung. Inhaltliche Überfrachtung der Studiengänge, eingeschränkte Mobilität beim Wechsel der Hochschule, sowie hoher Prüfungs- und Verwaltungsaufwand lenken von den eigentlichen Zielen höherer Bildung ab. Es bleibt zu wenig Zeit für die Ausprägung eigener Studiums- und Forschungsschwerpunkte. Studierende und Dozierende, letztlich die akademische Freiheit, leiden unter der zunehmenden Verschulung.

Die chronische Unterfinanzierung der Universitäten wird durch den gesteigerten Verwaltungsaufwand noch verschärft. Die zwingende Folge sind die Reduzierung der Aufnahmekapazitäten und damit einhergehende selektive Auswahlverfahren. Der freie Zugang zur Bildung, eine grundlegende Bedingung der demokratischen Ordnung und sozialen und freiheitlichen Mündigkeit des Individuums, wird weiter eingeschränkt. Zusätzlich dient die generell unzureichende finanzielle Ausstattung der Hochschulen der Inszenierung von „Exzellenz-Wettbewerben“. So werden die Träger der Forschung gegeneinander ausgespielt und die Abhängigkeit von externen Förderern nimmt zu. In der Folge wird sowohl das Prinzip der Forschungsfreiheit verraten, als auch das Ziel sozialer Gleichheit in unserer Gesellschaft zunehmend gefährdet.

Als unmittelbar Betroffene liegt es in unserer Verantwortung, diesen Tendenzen so entschieden und geschlossen als möglich entgegenzutreten. Setzen Sie sich in Gremien, Direktorien, im Hörsaal und über andere Formen öffentlicher Meinungsäußerung für konkrete Verbesserungen ein:

  • Für eine Entschlackung überladener Prüfungsordnungen zugunsten studentischer Eigeninitiative und Entlastung von Lehrkörper und Verwaltung
  • Für eine Aufhebung von Zulassungsbeschränkungen, sowohl zum Bachelor, als auch insbesondere zum konsekutiven Masterstudium
  • Für die Erhaltung der Fächervielfalt und ihre freie Kombinierbarkeit
  • Für die Gestaltung des LHG im Sinne der Demokratie und Hochschulfreiheit, damit allgemeine Partizipation gefördert und „Top-Down-Strukturen“ und Ökonomisierung verhindert werden
  • Für den Boykott von Hochschulrankings wie CHE und gegen den inszenierten Wettbewerb im Rahmen der „Exzellenz“-Offensive
  • Für eine angemessene Finanzierung des gesamten Bildungssektors aus öffentlicher Hand
  • Für bessere Beschäftigungsverhältnisse an der Universität, die den Erfordernissen der eigenen Lebenshaltung angemessen sind

Eine detailliertere Darstellung der Probleme und Ansätze zu ihrer Bewältigung finden Sie im Internet unter http://mainz.akprotest.de, bzw. als Anhang. Damit Verbesserungen erreicht werden können, ist die Partizipation aller Statusgruppen der Universität und anderer Interessierter notwendig. Deshalb möchten wir Sie auffordern, sich an einem offenen Dialog zu beteiligen. Durch die Vernetzung der einzelnen Fachbereiche können gemeinsame Argumentationslinien präzise gefasst und konkrete Änderungsvorschläge mit angemessenem Gewicht vertreten werden. Der AK Protest versteht sich als offenes Forum für alle, die diesen Prozess konstruktiv mitgestalten oder kritisch begleiten wollen.

In diesem Sinne laden wir Sie ein, zu den angesprochenen Problemen Stellung zu beziehen, eigene Initiativen ins Leben zu rufen und die zur Zeit gesteigerte Aufmerksamkeit für Bildungsfragen zum Besten der Universität und der Allgemeinheit zu nutzen.

Mit den besten Grüßen

Die Mitwirkenden des AK Protest mit Unterstützung des AStA

17 Kommentare

  1. Ist schon richtig, was Du da zum credit-point system schreibst, Jan. Verstehe es nun und meine doch selbst, dass das Hauptübel gar nicht alleine bei Bologna liegt. Um wirklich etwas zu erreichen, müßte ohnehin wohl die bundesgesetzliche Akkredtierung fallen (wieder zurück zu Evaluation von den Hochschulen her) und der Bund auch von seiner ‘konkurrierenden’ Gesetzgebung wieder in einer vernünftigen, verfassungsmäßigen Form Gebrauch machen (derzeit ein skandalöser Verzicht auf Rahmengesetzgebung), die fremdbestimmende Tendenzen im Bildungswesen endlich eindämmt. Bei einigen kleineren europäischen Nachbarn geht es zumindest anders. Will nicht abschweifen und hier gibt es ganz andere Meinungen …
    ,,Kreativität und Innovation” sollen freigesetzt, Selbsthilfe angeregt, Eigenverantwortung gestärkt werden können und der Gedanke der freien Bildung für alle ins Recht gesetzt und verteidigt werden. Da wurde nun einiges schön gegen die Ökonomisierung der Bildung erarbeitet im Forderungskatalog, doch es geht hier nicht bloß um Ideale einer deutschen/österreichischen Tradition, denen wir nun in der Tat nachtrauern. Denn weil sozial Schwächere und Teilzeitstudierende gewöhnlich länger studieren, werden diese ganz besonders diese von dem Studienkontensystem getroffen (Regelstudienzeit wird zur Zwangsstudienzeit), doch dies verengte sich leider nur oft auf die finanzielle Gleichheitsforderung (siehe unser Papier zu 7) Studiengebüheren (Protest nach Einführung 2004/2005) und die beschworene Chancengleichheit als probates Heilmittel. Es gibt allerdings noch etwas anderes und ich meinte und meine die materiellen Teilhabemöglichkeiten auf die menschlichen Bedürfnisse von bereits betroffenen Gruppen, denen gegenüber Bildung als Ware in den marktfähigen verhandelt wird. Denn Mündigkeit und eigene Selbstbestimmung macht erst dann Sinn, wenn auch in der Bildung a l l e Gruppen selbstbestimmt sind und es nicht um Gewinner und Verlierer einer marktstrukturierten Gesellschaft geht. Diese Gesellschaft hat sehr wohl andere Werte als bloß diese und den emanzipatorischen individuellen Freiheitsbegriff der Aufklärung, wenn offensichtlich nicht in den Köpfen aller Bürger oder vorgestellten Gemeinschaften. Deshalb im letzten Post der Hinweis auf die (positiven oder negativen) Erfahrungen aus dem Hochschulalltag bei den Stellen (Sozialwerk etc.), die aus dem Alltagsbewußtsein Vieler, das nicht bloß Individualität und Vorteilsgestaltung kennen sollte, sondern zu sozialen und menschlichen Belangen der wirklich Betroffenen vielleicht etwas zu einzubringen hätten (und evtl. namentlich Bennenung unter 7). Vielleicht steht er hier ein wenig außerhalb der Reihe, doch allzu schlecht fährt man auch in Leben und Beruf nicht, wenn man hier ein wenig sensibler wird.

    Bekam das leider (technischer Grund) nicht mehr an die passende Stelle zu Forderungen nun.

    S.L.G

    Andi

  2. Ich habe die Unterschrift jetzt mal in “Die Mitwirkenden des AK Protest & ASTA” geändert. Ist das in Ordnung? Falls nicht, dann sagt es bitte GANZ schnell, denn die Fabia ist schon um halb 6 auf der ASTA Sitzung, um dort mit den ASTA-Leuten das zu besprechen und vielleicht Genderingshinweise entgegenzunehmen.

  3. 1. Wir bleiben nur dann kritisch, wenn die Meinungsbildung nach Diskussion auch für die Zukunft aus der Gruppe heraus, d.i. demokratisch und von der Basis her erfolgt. Im eigenen demokratischen Grundselbstverständnis zurückhaltend frage ich, was die Unterstützung durch den ASTA denn wirklich meint? Und ich teile -einmal mehr nun schon- die auch m.E. sehr grundsätzlichen Bedenken von Alex, v.a. auf die weitere Arbeit für die Zukunft für freie Bildung, aber auch auf andere, ASTA-freien Themen (s. das eigene Selbstverständnis zu einer im Wortsinne offenen, pluralistischen, übrigens durchaus nicht unpolitischen Arbeit, s. ferner hier zustimmend, frühere Beiträge von Jonny). Der ASTA selbst ist das Exekutivorgan, der die Interessen vertritt und der anderen Gremien zur Rechenschaft verpflichtet ist und nicht ein Bildungsprotest aus der Studentenschaft der übrigens ‚offenen‘ Gruppe umgekehrt bloß ausführendes Organ sein darf. Erinnere ich nur den ‚ärmlichen‘ Forderungskatalog, wie er sich die ganze Zeit zeigte und nun dem ASTA als Ergebnis einer vorherigen Willensbildung (kritische Diskussion incl.) vorgelegt werden konnte, ist dies m.E. ein schönes gemeinsames Ergebnis, wo sich die Mehrzahl einer ‚kritischen Studierendenschaft‘ zumindest wiederfinden könnte. Ich persönlich schließe in der Einzelmeinung Alex an; bleibe -wenn nichts entgegensteht- gegen eine generalisierende Schlusszeichnung, die die Autorenschaft der Gruppe anonymisierend verallgemeinert, ob nun im Brief oder für spätere Aktivitäten.
    2. nochmals zu Alex: Entlastung des Personals, z.B. durch knappe Nennung von ‚Aufstockung des Lehrpersonals‘ zu nennen, etwa im Anschreiben genau dort, wo sehr allgemein nur von ‚chronischer Unterfinanzierung‘ und ‚erhöhtem Verwaltungsaufwand‘ die Rede ist, oder alternativ in 1. Strichaufzählung, halte ich für etwas vollständiger (trotz Katalog) und persönlicher, in dem tollen Entwurf zum Protestaufruf also selbst aufgeführt.

    LG

    Andi

  4. hallo,

    eigentlich habe ich nur ein grundsätzliches problem etwas im namen einer größeren anonymen (nicht zu beziffernden) gruppe zu unterzeichen. wir stehen eben nicht automatisch für die kritische studierendenschaft, nur wiel wir uns im ak protest zusammen geschlossen haben. wenn das schreiben die unterstützung durch den asta erfährt, sieht die sache natürlich etwas anders aus. dann sollte u.U. der text durch den asta gezeichnet sein (z.b. mit dem zusatz: ak protest).

    die zeichnung ‘engagierte StudentInnen des AK Protest’ klingt für mich nicht besonders scharf, da das ‘Protest’ im zusammenhang mit ‘engagiert’ kommt. das klingt eher konstruktiv denn destruktiv ^^

  5. Ich finde die Zeichnung durchaus in Ordnung, insofern, dass wir anscheinend den einzig engagierten Rest einer kritischen Studierendenschaft darstellen. Oder vielleicht kritisch-engagiert? Das Problem bei einer Unterschrift mit dem Namen AK Protest ist, fürchte ich zumindest, das Schüren von Ressentiments gegen unserer Gruppe auf Basis von den altbekannten, negativen Konnotationen, die das Wort Protest mit sich bringt.
    Besser könnte man vielleicht mit “Die politische Studierendenschaft” unterschreiben, weil der ASTA, der von der ganzen Studierendenschaft durch demokratische Wahl politisch und demokratisch legitimiert ist, unsere zwei Schriften noch absegnen wird (da wird den Status einer durch den ASTA geförderten Studierendengruppe haben, die dem ASTA Rechenschaft schuldig ist).

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